Biografie Wolfgang Köhler

(Text: K. Jensen)

„...der Verwandtschaftsgrad von Anthropoide und Mensch soll auf einem Gebiet festgestellt werden, das uns besonders wichtig erscheint, auf dem wir aber den Anthropoiden noch wenig kennen.“ (Köhler, 1921, S.1)

Es ist insbesondere das Werk über die mentalen Fähigkeiten der Menschenaffen, aufgrund dessen man sich an Wolfgang Köhler erinnert und dem das Primatenforschungszentrum in Leipzig Anerkennung zollt.

Wolfgang Koehler

Wolfgang Köhler wurde am 21. Januar 1887 in Reval, Estland, geboren. Als er sechs Jahre alt war, zog er mit seiner Familie nach Deutschland, wo er in Wolfenbüttel aufwuchs. Köhler studierte an den Universitäten Tübingen, Bonn und Berlin. In Berlin promovierte er 1909 in Psychoakustik und war Schüler von Max Planck (Physik) und Karl Stumpf (Psychologie).
Nach Beendigung seiner Doktorarbeit arbeitete Köhler am Psychologischen Institut in Frankfurt am Main, wo er auf Max Wertheimer und Kurt Koffka traf. Gemeinsam begründeten Sie einen neuen Zweig der Psychologie - die Gestaltpsychologie. Sie stellten sich gegen die strukturalistische Sicht und argumentierten, dass das Ganze größer sei als die Summe der Teile. Ursprünglich auf die Wahrnehmung (z.B. Figur-Hintergrund-Täuschung, Phi-Phänomene) bezogen, fand der Gestaltgedanke auch in anderen Gebieten der Psychologie seine Anwendung.
1913 wurde Köhler Direktor der Anthropoiden-Forschungsstation der Preußischen Wissenschaftsakademie auf Teneriffa. Bis 1920 führte er hier seine berühmten Untersuchungen an Schimpansen durch.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Köhler zum Direktor des Psychologischen Instituts der Universität Berlin ernannt. Zudem arbeitete er an den amerikanischen Universitäten Clark, Harvard und Chicago.
Als ausgesprochener Kritiker der nationalsozialistischen Partei in Deutschland fühlte er sich 1935 gezwungen, nach Amerika auszuwandern, wo er am Swarthmore College in Princeton und am Dartmouth College lehrte.
1956 wurde er Präsident der APA (American Psychological Association).
Köhler starb am 11.Juni im Jahre 1967 in Enfield, New Hampshire.

Koehler Studie

Seine herausragendste Arbeit schuf Köhler während des Ersten Weltkrieges. Als Direktor der Anthropoiden-Forschungsstation auf Teneriffa untersuchte er neun Schimpansen (1913-1917) und wählte damit einen unüblich anmutenden Ansatz zur Untersuchung des Gestalt-Phänomens. Menschenaffen waren damals keine typischen Untersuchungsobjekte psychologischer Forschung. Die Psychologie war seinerzeit noch eine sehr junge Wissenschaft und konzentrierte sich in erster Linie auf Hunde (Pavlov) und Katzen (Thorndike).
Köhler war einer der wegweisenden Psychologen (gemeinsam mit R.M. Yerkes), die Darwins Idee übernahmen, in welcher der Mensch ein Teil der Kontinuität des Lebens ist. Mit diesem Hintergrund untersuchten sie unsere nächsten lebenden Verwandten, um ein Verständnis für die mentalen Prozesse – sowohl des Menschen, als auch der Tiere - zu gewinnen.
Die Hauptziele der Arbeit mit den Schimpansen war es daher, herauszufinden, in welcher Hinsicht sich Menschen und Menschenaffen ähneln und worin sie sich unterscheiden.

„Angenommen, der Anthropoide zeige unter Umständen intelligentes Verhalten von der Art des am Menschen bekannten, so ist doch von vornherein kein Zweifel, daß er in dieser Hinsicht weit hinter dem Menschen zurückbleibt, in relativ einfachen Lagen also Schwierigkeiten findet und Fehler begeht; gerade dadurch aber kann er unter einfachsten Verhältnissen die Natur von Intelligenzleistungen deutlich hervortreten lassen [...] “ (Köhler, 1921, S.1)

Das psychologische Phänomen, welches Köhler dabei am meisten interessierte, war das der sogenannten Einsicht. Mit diesem Ausdruck beschrieb er insbesondere intelligentes Problemlöseverhalten.

„Nicht, ob die Anthropoiden bestimmt Definiertes aufweisen, soll untersucht werden, sondern ob ihr Verhalten bis zu einem [...] Typus aufsteigt, der uns als „einsichtig“ im Gegensatz zu sonstigem Verhalten [...] vorschwebt. Wir verfahren aber hiermit nur der Natur der Sache gemäß, denn klare Definitionen gehören nicht an den Beginn von Erfahrungswissenschaften [...]. “ (Köhler, 1921, S.2)

Koehler Studie

Köhler beobachtete die allgemeine Neigung, ein Verhalten dann als einsichtig zu bezeichnen, wenn ein angestrebtes Ziel nicht auf dem einfachen, für Mensch oder Tier selbstverständlichen Weg zu ereichen ist, die Umstände aber eine Alternative offenlassen und das Tier oder der Mensch diesen Umweg erkennt und einschlägt.
Dabei hob er deutlich hervor, dass zwischen echten Intelligenzleistungen und Zufallserfolgen zu unterscheiden sei. Während der Erfolg per Zufall durch mehrere unabhängige Einzelbewegungen zustande komme, könne man bei echten Leistungen einen räumlich und zeitlich in sich geschlossenen Verlauf erkennen, bei dem kein weiteres Zögern zu beobachten sei. Die echte Leistung sei somit eine mentale, deren Qualität sich im Erfolg des Verhaltens zeige.
Diese Theorie stand im krassen Gegensatz zu der von Thorndike und Pavlov, die behaupteten, dass Assoziationslernen (z.B. Lernen durch Versuch und Irrtum) die einzige Art des Problemlösens bei Tieren sei.
Als Reaktion auf die über die Maßen wohlmeinende naturalistische Interpretation der tierischen Problemlösefähigkeiten hatten Thorndike und Watson als Assoziationisten in ihrer Arbeit den Lernprozess von Tieren als sehr schlicht dargestellt und die mentalen Prozesse stark vereinfacht. Auf diese damals vorherrschende Überzeugung wiederum reagierte Köhler mit seinen Untersuchungen. Dabei wandte er experimentelle Methoden an und lieferte den Tieren, anders als die späteren Behavioristen, Probleme mit naturnahem Hintergrund.

Koehler Studie

Köhlers bekannteste Arbeit über Schimpansen-Kognition handelte von der Anwendung von Werkzeugen. Werkzeuggebrauch definierte Köhler als “Einschalten eines materiellen Zwischengliedes“, um zum Ziel zu gelangen. Beispielsweise beim Versuch, Zugang zu einer außer Reichweite angebrachte Banane zu erlangen, sollten die Tiere Kisten aufeinander stapelten oder sich mit ineinandergesteckten Stöcken ein Werkzeug erstellen, welches lang genug war, um die Frucht zu erreichen.
Köhlers berühmter Schimpanse Sultan brauchte über eine Stunde, bis er die kurzen Stöcke zusammengebracht hatte. Dann jedoch benutzte Sultan das neue Werkzeug sofort in angemessener Weise. Dieses Lösungsverhalten interpretierte Köhler als einsichtig im Sinne einer Problemerkenntnis mit zweckgerichtetem Folgeverhalten.
Dabei machte er aber klar, dass man die Leistungen eines einzelnen Tieres nicht als maßgebend für die Art ansehen dürfe.

Köhlers Werk über Kognition bei Menschenaffen wurde 1917 unter dem Titel "Intelligenzprüfungen an Anthropoiden" veröffentlicht; die englische Version "The Mentality of Apes" erschien im Jahre 1925. Diese Arbeit war revolutionär, obwohl sie zunächst während der Jahrzehnte behavioristischer Tradition fast vollständig ignoriert wurde. Erst seit der kognitiven Wende Ende der 50er Jahre werden die mentalen Fähigkeiten von Tieren und ihr Verhältnis zu denen der Menschen wieder untersucht.
Köhlers Beitrag zur Psychologie – insbesondere zur Vergleichenden Psychologie - bleibt unvergessen.

Die Kognitionsforschungseinrichtung für Menschenaffen in Leipzig wurde zur Ehrung seines Werkes nach ihm benannt.

Zitate aus "Intelligenzprüfungen an Menschenaffen", 1921

Porträt aus: "The selected papers of Wolfgang Köhler", Wolfgang Köhler in 1957

Schimpansen Bilder aus: Wolgang Köhler: "The Mentality of Apes" 1926 Harcourt, Brace & Company, Inc., New York